Bereits seit einigen Jahren sammle ich (gemeinsam mit ein paar Freunden) allerlei Informationen zu Wiener Karosseriebauern der 1950er Jahre. Speziell zu jenen, die damals Volkswagen Busse โ genauer Kastenwรคgen ab Werk – umgebaut haben. Und an den Karosserien dieser praktischen Transporter wurde in vielen รถsterreichischen Werkstรคtten gearbeitet!
Generell brenne ich fรผr dieses Thema seit 2012. Damals wurde in einem Wald in Kรคrnten der gegenwรคrtig einzig bekannte Kohlruss Bus gefunden. Seit dem ist es unserem kleinen Team schon gelungen, den ein oder anderen ehemaligen Besitzer solcher Fahrzeuge ausfindig zu machen und ein paar Geschichten zu sammeln. Natรผrlich tauchen aber auch immer wieder alte Fotos von diesen speziellen Ausflugsbussen auf, welche wir offline zusammengesammelt haben. Eines Tages soll dann ein Buch zu diesem Thema entstehen, welches all diese interessanten Fotos und Berichte prรคsentiert. Leider existieren viele dieser Karosseriebau-Betriebe oft seit Jahrzehnten nicht mehr, die Besitzer oder Mitarbeiter sind bereits verstorben und so ist in den letzten Jahren leider sehr viel Wissen verloren gegangen. Manchmal entdecken wir Fotos und rรคtseln, wer so manch speziellen Ausflugsbus denn gebaut haben kรถnnte. Aber selbst nach etwa 70 Jahren lรคsst sich das ein oder andere Rรคtsel noch lรถsen โ wie es mir zum Beispiel auch in dem folgendem Fall gelungen ist:
Bereits vor 2 Jahren habe ich in einer alten Zeitschrift aus den frรผhen Fรผnfziger Jahren eine Werbeanzeige von der Firma Kastenhofer entdeckt. Darin enthalten ist ein Foto das eine Werkstatthalle โ gefรผllt mit acht Volkswagen Barndoor Bussen zeigt. Diese Busse haben einige interessante Merkmale. Sofort springen einem die Fenster hinter der B-Sรคule ins Auge โ ganz klar keine normalen Fenster. Das dritte Fenster des Passagierraumes ist wesentlich lรคnger als die beiden vorderen. Auรerdem weisen alle ergรคnzten Fenster einen Aluminium-Rahmen auf. Wirft man einen Blick auf die Busse im Hintergrund, so entdeckt man bei den meisten ein zusรคtzliches kleines Licht am vorderen Ende des Daches.
Ein weiteres interessantes Detail, welches erst beim zweiten Mal Hinsehen auffรคllt, ist der Holzrahmen eines Fensters im Inneren des vorderen Busses. Betrachtet man das hintere Ende des Dachgepรคcktrรคgers und verlรคngert man geistig die vertikale Linien nach unten โ so landet man beim zweiten Fenster des Passagierraums. Auf der oberen Kante des Fensterrahmens sieht man, dass der Blitz des Fotoapparates auf der polierten Flรคche des Aluminiums reflektiert. Ganz genau dort muss man durch den Bus auf die Innenwand der Beifahrerseite schauen โ und entdeckt rasch einen groรen hellen, rechteckigen Rahmen auf der Innenseite eines Fensters, hรถchstwahrscheinlich aus Holz.
Ein sehr interessantes Foto. Aber dennoch geriet dieses Foto im Laufe der letzten beiden Jahre wieder in Vergessenheit und verschwand zwischen vielen anderen Bildern von umgebauten VW-Bussen in meinen Bildarchiven…
Anfang Jรคnner 2020 kontaktierte mich dann mein Freund Martin ลฝiduljak aus der Slowakei. Er fand einen Volkswagen Transporter Baujahr 1952. Sofort war uns beiden bewusst, dass dieser Bus kein normaler Fensterbus war, denn trotz der seltsamen Fenster besaร der Bus noch die oberen Lรผftungsschlitze im seitlichen Heckbereich. Das ist ein eindeutiger Beweis dafรผr, dass der Bus das VW Werk damals als geschlossener Kastenwagen verlassen hat. Sofort war uns auch klar, dass der Umbau das Werk eines Karosseriebauers ist, aber ich konnte partout nichts Nรคheres dazu sagen. Martin berichtete mir noch, dass der Bus aus รsterreich stammt, wie ein verblichener „A“-Nationensticker auf der Motorklappe verrรคt.
Die Szene rund um luftgekรผhlte VWs ist weltweit verteilt und sehr aktiv – auf den Straรen sowie in vielen Foren und Sozialen Netzwerken. Dennoch fand sich niemand, der zu diesem „Scheunenfund“ und dessen Karosseriebauer nรคhere Informationen hatte.
Mein Freund Valentin Eggbauer, den ich bei seinem oben erwรคhnten Buch-Projekt unterstรผtze, hat damals sofort eine รhnlichkeit zu einem Foto aus seiner Sammlung erkannt. Dieses Schwarz-Weiร-Foto zeigt einen Bus mit Wiener Kennzeichen. Davor stehend, verdecken leider 3 Herren ein wenig die Beifahrerseite des Busses. Nichtsdestotrotz kann man sehr gut erkenn, dass der Bus ebenfalls mal ein Kastenwagen war โ auch dieses Fahrzeug hat die oberen Lรผftungsschlitze noch. Auรerdem sieht man gleich daneben die nachtrรคglich eingebauten Fenster mit Aluminium-Rahmen. Und als Bonus hat der abgebildete Transporter noch ein zusรคtzliches Licht mittig vorne am Dach. Ganz genau an dieser Stelle hat Martins grรผner Bus ebenfalls zwei kleine Lรถcher im Dach โ hรถchstwahrscheinlich ebenfalls zur Montage eines solchen Scheinwerfers.
Viele Monate vergingen, ehe ich Anfang September 2020 aufgrund neuer Fotofunde und Erkenntnisse mal wieder diverse Ordner mit unseren gesammelten Bildern sichtete. Zack! Da entdeckte ich das Kastenhofer Inserat endlich wieder! Sofort war das fรผr mich der Beweis, dass es sich bei Martins Bus aufgrund der vielen รผbereinstimmenden Details um einen Bus aus der Werkstatt von Kastenhofer in Wien handelt! Die Freude bei uns beiden war riesig!!!
Natรผrlich recherchierte ich gleich nรคher zu dem Thema und kontaktierte sehr bald auch Mark Reynolds aus dem Vereinigten Kรถnigreich, seinerseits Besitzer eines VW Busses Baujahr 1953. Diesen Bus hatte ich schon im Jรคnner sofort im Hinterkopf, gerade weil er doch starke รhnlichkeit mit Martins grรผnem Bus aufweist. Aber erst mal nรคher zu Marks Bus in England: Dabei handelt es sich um einen ehemaligen Feuerwehr Bus der โOberรถsterreichischen Kraftwerke AGโ (kurz: OKA) โ heute โEnergie AG Oberรถsterreichโ. Der rote Feuerwehrbus hat Fenster mit denselben Proportionen wie Martins grรผner Bus. Auรerdem haben bei beiden Bussen die hinteren, langen Fenster eine Kurbelfunktion!
Nachstehend ein paar รbereinstimmungen beider Fahrzeuge. Man beachte die Tรผrverkleidungen, die speziellen Mechanismen und Holzrahmen der Kurbelfenster sowie die interessanten Sonnenblenden und Abdeckungen fรผr die Innenseiten der oberen Lรผftungsschlitze. Auรerdem haben beide Busse Glasscheiben der Firma „Sicherheitsglas STELZL“ aus Wien eingebaut. Die Lรถcher im vorderen Dachbereich waren beim Feuerwehr-Bus auch vorhanden, wurden aber vor Jahren zugeschweiรt.
1953 Betriebsfeuerwehr OKA Gmunden – Mark:




















1952 VW Bus Scheunenfund – Martin:

















Update:
Beim HO22-Treffen habe ich beide, oben abgebildete Kastenhofer-Busse selbst gesehen und ebenfalls ein paar Fotos gemacht.
Die Firmengeschichte von Kastenhofer
Im Juli 1913 grรผndete Ignac Kastenhofer offiziell gemeinsam mit drei weiteren Herren die Firma โIgnac Kastenhofer & Cieโ mit Sitz im 3. Bezirk Wiens und lieร sie wenig spรคter als OHG im Handelsregister eintragen.
Man beschรคftigte sich mit Autokarosserien und Aluminiumaufbauten aller Art. Anfรคnglich war das Unternehmen auch im Flugzeugbau aktiv, stellte diese Tรคtigkeit aber bald wieder ein.
Bereits Anfang 1914 traten die 3 anderen Eigentรผmer wieder aus dem Unternehmen aus, ehe am 24. April 1914 ein gewisser Herr Ing. Isidor Pordes als Gesellschafter in die Firma eintrat.
Im Frรผhjahr 1917, nach nur etwa 5 Jahren trat der Namensgeber Ignac Kastenhofer aus der Firma aus und Ing. Isidor Pordes war ab sofort der alleinige Inhaber. Im selben Jahr folgte noch die รbersiedlung in die Margaretenstraรe 105, 1050 Wien.
Im Zuge des 1. Weltkrieges wurde auf Betreiben der K. & K. Armee das Werkstรคtten-Areal der Firma Kastenhofer auf die Nachbargrundstรผcke erweitert um die vielen Auftrรคge des Heeres besser bewรคltigen zu kรถnnen. Jedoch war dies nur eine kurzfristige Lรถsung, die โ vertraglich geregelt – nach Kriegsende wieder rรผckgรคngig gemacht wurde.
Im Jahr 1921 erwarb Ing. Isidor Pordes die Liegenschaft der Margaretenstraรe 105, welche zuvor nur gemietet war. Gegen Ende dieses Jahres wurde auch der Handel mit Autoteilen aufgenommen.
Da die Firma in den 1930er Jahren bereits bestens etabliert war, รผberstand man die Wirtschaftskrise sehr gut. Von 1936 bis 1937 wurden die Werkstรคtten und Lagerhallen umgebaut.
Im Herbst 1938 รผbernahm ein kommissarischer Verwalter die Leitung des Unternehmens, ehe es 1941 verkauft wurde.
Erst in den Jahren 1947/48 gelang es Herrn Ing. Pordes wieder die Besitzrechte seines Unternehmens zurรผckzuerlangen. Diese Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war generell sehr erfolgreich fรผr die Firma Kastenhofer โ aufgrund der Zusammenarbeit mit diversen Autoherstellern.
Wรคhrend Ferry Porsche den Prototyp Porsche 356/1 (anfangs noch โVW Sportโ genannt) baute und schlieรlich im Sommer 1948 offiziell fรผr den Straรenverkehr zulieร, wurde parallel dazu in diversen Wiener Betrieben wie Tatra, Keibl und Kastenhofer bereits an weiteren Karosserien fรผr die Gmรผnd-Serie des Porsche 356/2 gedengelt.
Ein von der Firma Kastenhofer gebautes Porsche 356/2 Cabriolet mit der Chassisnummer 004 wurde etwa im Jahr 1949 auf Automobilmessen in Wien und Genf ausgestellt.
Etwa zur selben Zeit arbeitete die Karosseriebaufabrik Kastenhofer auch mit Wolfgang Denzel zusammen. Denzel entwarf Sportwagen, รคhnlich wie Porsche. Auch sie basierten anfangs auf Volkswagen Fahrgestellen und wurden auch durch solche Motoren betrieben โ daher auch der anfรคngliche Name โDenzel (WD) VW-Equipmentโ. Mit diesem Sportwagen gelangen Wolfgang Denzel diverse Erfolge im Motorsport.
Das รคlteste รผberlebende Auto von Denzel stammt aus dem Jahr 1949 und wurde 1948 ebenfalls in der Werkstatt Kastenhofer in Wien karossiert. Dieses Fahrzeug ist heute noch im Prototyp Museum in Hamburg zu sehen.
Mit Beginn der 1950er Jahre und der Vorstellung des Volkswagen Transporters, nutzten fast alle Wiener Karosseriebaubetriebe das Potential dieses Kleinbusses und bauten Kastenwรคgen zu Fensterbussen, Campingfahrzeugen und Werbeautos um โ so auch die Karosseriefabrik Kastenhofer, wie das nachfolgende Foto zeigt:
Dieses Foto ist ein weiterer ziemlich eindeutiger Beweis dafรผr, dass die oben abgebildeten Busse (1952 grรผn, 1953 rot) in der Werkstatt von Kastenhofer zu Fensterbussen umgebaut wurden โ und somit die aktuell einzig bekannten noch erhaltenen Kastenhofer Busse sind.
Im Jahr 1957 verpachtete Ing. Isidor Pordes das Unternehmen weiter, im Jahr 1980 wurde die โIG. Kastenhofer & Cie.โ dann endgรผltig aus dem Firmenregister gelรถscht. Die Fabrikshallen in der Margaretenstraรe 105, 1050 Wien wurden abgetragen und im Jahr 1992 folgte an selber Stelle ein Gemeindebau der Stadt Wien.
Abschlieรend noch ein weiterer, direkter Vergleich fรผr all jene Besucher meiner Webseite, die immer noch nicht komplett รผberzeugt sind. Ich habe die Besitzer der beiden heute noch existierenden VW Busse gebeten, ihre Transporter aus derselben Perspektive zu fotografieren, wie der von der Karosseriefabrik Kastenhofer beworbene Bus:



Generell freut es mich wahnsinnig, dass ich hiermit ein weiteres fehlendes Puzzle-Stรผck der รถsterreichischen Automobilgeschichte nachvollziehen konnte!
In Erinnerung an Alfred Machaczek (*1925 – โ 2016) โ ein Urgestein der Wiener Karosseriebau-Szene – ohne den viele diese unschรคtzbar wertvollen Informationen heute gar nicht mehr verfรผgbar gewesen wรคren.
Besten Dank auรerdem an:
Martin ลฝiduljak – VansofVW
Mark Reynolds – User: 47oldtimer on Instagram
Pal Negyesi – CE Auto Classic
Valentin Eggbauer – Rentabulli.at
รber Fragen, Anregungen, Lob oder Korrekturvorschlรคge freue ich mich. Hierfรผr kรถnnt ihr mich gerne รผber die Kontakt-Seite erreichen.












Sehr gute Geschichte weiter so
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Sehr spannende Geschichte, danke dafรผr ๐
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Ich trat am 2. August 1948 als Karrosseriespengler bei der Familie Kastenhofer ein und war dort bis April 1954 tรคtig
Spengler Meister Hr. Kakuschka
Schlosser Meister Hr. Dutta
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Sehr geehrter Herr Fritzl,
es freut mich sehr, dass Sie meine Webseite entdeckt haben und noch dazu einen Kommentar hier gelassen haben.
Umso mehr wรผrde es mich allerdings auch freuen, mehr รผber Ihre Zeit bei Kastenhofer zu erfahren und daher habe ich Ihnen eine E-Mail geschickt.
Vielen Dank im Voraus,
Alex
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